Mindset

Über die scheinbare Unfehlbarkeit von Eltern

Es gibt ja Eltern die glauben sie haben die Weisheit mit Löffeln gefressen. Die immer alles richtig machen und selbst rückblickend noch der festen Überzeugung sind, dass alles was sie getan haben zweifelsohne perfekt war. Ich frag mich dann immer ob diese Eltern vielleicht das große Los in der Himmelslotterie gezogen haben. Vielleicht gibt es dort oben so etwas wie einen Kinderführerschein als Hauptgewinn und ich hab´s verpasst.

Finn wird im März fünf – unfassbar wie die Zeit vergeht – und wenn ich besonders an die ersten drei Jahre zurück denke, dann muß ich mich schon jetzt entschuldigen. Das habe ich tatsächlich auch schon gemacht. Vielleicht hat er das damals noch nicht verstanden aber seine Seele hat es ganz sicher. Natürlich habe ich Fehler gemacht. Finn ist unser erstes Kind und ich hatte bis dato keinen Schimmer von Kinder-Erziehung. Geschwister habe ich auch keine, von daher war ich vollkommen unbedarft als dieser kleine Kerl in unser Leben trat.

Ein Kind bringt Dich an Deine natürlichen Grenzen

Ein Kind bringt Dich an Deine natürlichen Grenzen und ich hätte vor fünf Jahren niemals gedacht, dass ich diese besondere Art von Liebe empfinden kann – Mutterliebe. Eine Liebe die Dir fast Dein Herz zerreißt. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es diesen Grad von Erschöpfung überhaupt geben kann. Ich fand mich in Situationen wieder in denen ich nicht nur erschöpft, sondern auch unsicher und hilflos war. In denen ich komplett überreagiert habe. Ich hätte Finn nie geschlagen aber ich war oft genervt, lieblos, ignorant und rigoros. Das krasse Gegenteil gab es auch. An manchen Tagen habe ich ihn mit Liebe überschüttet, da war er der Mittelpunkt meines Universums, da hat sich immer alles nur um ihn gedreht. Mein ganzes Leben, die volle Aufmerksamkeit, jeder Atemzug.

Habe mir Vorwürfe gemacht, das Leben verflucht weil ich es nicht rückgängig machen kann

Kein Mensch kann heute sagen was das mit ihm gemacht hat, weil keiner sagen kann wie seine kleine Seele damit umgegangen ist. Wir alle reagieren in der gleichen Situation ja gerne verschieden. Was den Einen kalt lässt, macht den Anderen völlig fertig.
Ich habe oft darüber nachgedacht was alles schief gelaufen ist. Was hätte besser laufen können, was gut gelaufen ist… Ich habe viel reflektiert und mich tagelang verurteilt. Habe mir Vorwürfe gemacht, das Leben verflucht weil ich es nicht rückgängig machen kann. All die Dinge die ich ihm „angetan“ habe… Es hat mich nirgendwo hin gebracht und die Vergangenheit hat es auch nicht verändert.

Irgendwann hat mir jemand Schlaues mal gesagt, dass wir alle immer unser best mögliches geben. Also das, was uns zu diesem Zeitpunkt am besten möglich ist. Heißt, wir geben quasi immer unser Bestes, wir wissen es nur manchmal eben nicht besser. Das hat mich nicht wirklich getröstet aber mir war klar, dass ich nur eines tun kann: ich kann mir meine Fehler eingestehen, aus ihnen lernen, es beim nächsten Mal besser machen und mir selbst verzeihen. Das war ganz wichtig. Und ich kann Finn um Verzeihung bitten. Das geht übrigens ganz fantastisch mit Ho´oponopono, einem alten hawaiianischen Ritual. Man kann es ganz für sich alleine machen und es funktioniert trotzdem. Die Energie folgt ja schließlich der Aufmerksamkeit wie wir wissen.

Wir haben zwar in der jeweiligen Situation unser Bestes gegeben aber das ist etwas völlig anderes

Was ich damit sagen möchte ist, dass wir als Eltern nicht die Arroganz besitzen sollten, zu glauben wir würden alles richtig machen. Das geht gar nicht. Denn selbst wenn wir glauben, dass manche Situationen völlig harmlos waren weil wir sie so empfunden haben, kann das Empfinden des Kindes komplett anders sein. Wir haben zwar in der jeweiligen Situation unser Bestes gegeben aber das ist etwas völlig anderes. Das heißt nämlich nicht, daß das immer richtig war.

Genau wie bei jeder Begegnung und jeder zwischenmenschlichen Beziehung, hat man auch durch das Geschenk des Eltern-seins und des Kind-seins die Möglichkeit zum Wachstum und zur Veränderung – vorausgesetzt man möchte das. Und auch das Kind hat später die Wahl. Hat es in seiner Kindheit einen Mangel erlebt, so wird es später vielleicht genau das Gegenteil tun, weil es diesen Mangel ausgleichen möchte. Das kann auch bedeuten, dass ein Kind, das wenig Liebe und Aufmerksamkeit bekommen hat, später sehr liebevoll und achtsam mit seinen eigenen Kindern umgeht. Das alles ist eine große Aufgabe und eine Lernerfahrung für alle.

Vielleicht wird er mir sagen was ihn verletzt hat

Ich bin jedenfalls darauf gefasst, dass Finn irgendwann mal vor mir stehen wird. Vielleicht wird er mir sagen was ihn verletzt hat, was er gerne anders gehabt hätte und wie er manche Situationen erlebt hat. Dann werde ich genau zuhören, ihn in den Arm nehmen und ihm zeigen, dass ich ihn verstehe und daß er das Recht hat Dinge anders zu empfinden. Ich werde mich entschuldigen und sagen, dass es mir leid tut und dankbar sein, dass er mir gegenüber so offen ist. Das werde ich tun.

Bis dahin kann ich nur mein Bestes geben und achtsam bleiben. Und aus den Fehlern lernen die ich auf unserem Weg mache.
Wie schön, dass diese kleine Seele mir die Möglichkeit dazu gibt.

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