Mindset

Wie ein Lehrer und ein Glaubenssatz meine Kreativität raubten

Es war in Kunst-Leistung als ich voller Erwartung meine Bleistiftzeichnung entgegen nahm. Für mich war es die beste Zeichnung die ich bis dato zu Stande bekommen hatte. Tagelang hatte ich sie verfeinert, optimiert, perfektioniert und zum Schluß mit einem Spruch versehen: „Der längste Weg, ist der Weg zu sich selbst.“

Keine Ahnung warum es genau dieser Spruch sein mußte. Irgendwo hatte ich ihn gefunden und er ließ mich einfach nicht mehr los. Ich kann nicht mal sagen, dass ich seine Aussage tatsächlich verstanden hätte, denn bis zu diesem Zeitpunkt war in meinem Leben alles so weit „im Flow“ und ich war ziemlich gut bei mir. Dachte ich zumindest.

Er traute es mir einfach nicht zu

Mein LK-Lehrer schaute mich an, drückte mir mein Bild in die Hand und verkündete, dass er diese Zeichnung nicht benoten könne weil ich sie nicht gemalt hätte. Es wäre ohne Frage ein tolles Bild aber leider wäre er wohl einem Betrug erlegen, denn das – und das könne er zu 100% sagen – wäre ganz sicher nicht mein Strich.
Ich war fassungslos. Das erste eigene Kunstwerk auf das ich über alle Maßen stolz war, sollte nicht von mir sein.
Er traute es mir einfach nicht zu.

Es gibt kaum einen Moment im meinem Leben den ich noch so im Detail abgespeichert habe wie diesen. An diesem Tag veränderte sich vieles, denn ich begann an mir zu zweifeln. Ich war der Meinung, dass ich einfach nicht malen konnte. Die Kunst und ich, wir würden niemals Freunde werden und mal ganz davon abgesehen: wer würde meine Bilder schon wollen?

Tschüß Kreativität, hallo Glaubenssatz: „Wenn es gut ist, dann kann es nicht von mir sein.“

Was noch viel schlimmer war: Ich stellte seine Wahrheit über meine und verlor mich dadurch immer mehr.
Jahre später wollten zwei Besucher einer Ausstellung, unabhängig voneinander, genau dieses Bild kaufen aber auch das änderte nichts. Ich konnte es nicht glauben, behielt es und verkaufte es nicht.
Heute hängt es bei meinem Dad, da ist es gut aufgehoben. Väter müssen die Bilder ihrer Töchter einfach super finden.

Irgendwann war ich jedenfalls sicher, dass ich zumindest in Sachen Kunst zu nichts fähig war und hörte auf zu malen. Das dürfte auch in etwa der Moment gewesen sein, als ich meine analoge Canon, samt Filmrollen und Keller-Entwicklungs-Equipment, im Schrank einschloss und mich sonst was widmete.
Tschüß Kreativität, hallo Glaubenssatz: „Wenn es gut ist, dann kann es nicht von mir sein.“

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann war er mir ein großer Lehrer.

Mein Kunst-LK-Lehrer war sich sicher nie darüber bewußt was er da in mir ausgelöst hat. Und auch mir war ganz lange nicht klar, was da in mir passiert war.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann war er mir ein großer Lehrer. Beruflich war ich immer kreativ und ich liebte es aber es war nie leicht und locker. Ich trieb mich immer zu Höchstleistungen an. Alles mußte perfekt sein. Und wenn es für andere perfekt war, dann hatte ich trotz allem das Gefühl, dass es nicht reichte. So fand ich zwar nie wirklich Befriedigung in dem was ich tat aber ich war extrem engagiert und immer bereit etwas mehr zu liefern als man von mir erwartete. Das brachte Erfolg aber keine Erfüllung.

Ja, der längste Weg, ist der Weg zu sich selbst. Das habe ich heute verstanden.

Heute bin ich mir über diesen Glaubenssatz bewußt – was nicht bedeutet, dass ich nie mehr an mir zweifle. Aber es hilft mir, nicht ganz so hart mit mir zu sein. Und manchmal passiert es, dass ich meine Fotos anschaue und dann sehe ich, dass sie gut sind – obwohl sie von mir sind. Oder vielleicht gerade deshalb? Aber bis dahin ist es noch ein kleiner Weg.

Ja, der längste Weg, ist der Weg zu sich selbst. Das habe ich heute verstanden.

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2 Comments

  • Reply
    Franzi
    25. April 2017 at 19:21

    Leider, leider ist man sich seiner Grösse oft nicht bewusst; oft vermitteln dir Menschen in deinem Umfeld das Gefühl, klein zu sein, es nicht wert zu sein, nicht für etwas Grossartiges und Wundervolles gemacht oder bestimmt zu sein, Gutes nicht verdient zu haben…und oft sind es Menschen, die genau das in dir erkannt haben und es ihnen Angst gemacht hat oder sie einfach nicht damit umgehen konnten und anstatt dich mit einem Lob (wie in deinem Fall) zu beflügeln, wählen sie den für sich sicheren Weg…und machen dich klein und sich besser. Umso toller, wenn man aus einer solchen Erfahrung (wenn auch etwas später) eine positive Lernerfahrung macht und seinen Weg in die richtige Richtung SEHR ERFOLGREICH!!! wieder aufgenommen hat! Bin stolz auf dich!

    • Reply
      Nicole
      27. April 2017 at 14:19

      Wie schön geschrieben und so wahr. Ich danke Dir von Herzen. ❤️

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