Mindset

Hauptsache ein bisschen mehr

Das Erste was ich morgens auf der Arbeit tue ist Mails lesen, sortieren und löschen. Neben dem Beruflichen flattern zahlreiche Newsletter von Esprit, Westwing, Conleys und Impressionen rein. Alles Angebote, Supersales und Schnäppchen. Früher war das ein Grund alles stehen und liegen zu lassen und erst mal ausgiebig online zu shoppen. Die zwanzigste Hose, das dreißigste Paar Schuhe, die zehnte Uhr oder die gefühlt hundertste Tasche. Taschen sind toll! Taschen passen nämlich immer, egal welche Konfektionsgröße man gerade hat. Bei Schuhen ist das ähnlich.

Das weitere Prozedere gestaltete sich immer gleich: Die Sachen wurden geliefert, gewaschen und fast täglich getragen. Sie waren ja neu und machten mir Freude. Irgendwann verschwanden sie in meinem völlig überfüllten Kleiderschrank und wurden durch neue Teile ersetzt. Manchmal vergaß ich sogar, dass ich sie überhaupt besaß. Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich ohnehin schon längst den Überblick verloren was da so alles in meinem Schrank lag.

Gerade an Tagen an denen es beruflich oder privat nicht so gut lief, schaffte es ein kleiner Shopping-Tripp immer mich versöhnlich zu stimmen

Gerade an Tagen an denen es beruflich oder privat nicht so gut lief, schaffte es ein kleiner Shopping-Tripp immer mich versöhnlich zu stimmen. Das gute Gefühl verschwand zwar ziemlich schnell wieder aber das Loch war erst einmal gestopft – dachte ich. Ich hatte viele gute Gründe zum Einkaufen, letzten Endes war es aber immer ein großer Mangel der sich tief in mir versteckte und den ich vergeblich auszugleichen versuchte.

Irgendwann, viel später in meinem Leben als sich die Umstände geändert hatten, stand ich vor all meinen Sachen. Ich fühlte mich überfordert und wußte nicht was ich anziehen sollte obwohl der Schrank bis unter die Decke voll war. All diese Dinge belasteten mich und ich fragte mich ernsthaft wofür ich das ganze Zeug brauche. Letzten Endes können wir doch eh immer nur ein Teil anziehen. Keine Frage, wir brauchen auch etwas zum wechseln aber müssen es denn gleich zwanzig Hosen sein?
Heute macht es mir Stress wenn alle Schubladen in der Wohnung mit irgend etwas voll gestopft sind und ich nicht mal ne Ahnung habe was da überhaupt drin ist.

Ich begann radikal zu entmisten und verschenkte oder entsorgte

  • alles in das ich nicht mehr hinein passte
  • alles was ich länger als ein Jahr nicht mehr getragen hatte
  • alles was mir nicht mehr gefiel
  • alles was ich in gleicher oder ähnlicher Ausführung mehrmals hatte (und ich spreche nicht von Unterhosen)
  • alles was mein Leben nicht in irgend einer Art bereicherte

Bereichert es mein Leben? Und wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind und uns die Frage ganz aufrichtig beantworten, dann bleibt da nicht mehr viel.

Heute muß für jedes neu gekaufte Teil ein altes gehen. Kaufe ich neue Schuhe, fliegt ein altes Paar aus dem Schrank. Das Gleiche gilt für Jacken, Hosen, Pullis, etc. Und man glaubt es kaum: es ist noch immer genug da um täglich neue Klamotten anzuziehen.
Ähnlich sieht es bei meiner heiß geliebten Fotografie aus. Selbst wenn ich das Geld hätte um mir spontan alles zu kaufen was ich gerne haben möchte, dann wären es trotzdem nicht alle Festbrennweiten die es gibt und ich würde auch nicht noch drei Kameras zusätzlich kaufen. Wofür auch?

Ganz anders verhält es sich bei mir bei Büchern. Auch wenn ich schon sehr viele Bücher verkauft habe, besitze ich noch immer mehr als genug. Damit habe ich auch kein Problem, denn Bücher bereichern mein Leben. Ich liebe Bücher. Ich lerne aus ihnen, ich mag es wie sie sich anfühlen, ich markiere in ihnen die wichtigsten Stellen und hole sie immer wieder raus. Bücher bereichern mein Leben. Bücher sind einfach toll und sie verlieren für mich auch nie an Wert.

Ich bin weit entfernt von einem minimalistischen Leben und ich sage auch nicht, dass Kaufen schlecht ist. Die Frage ist einfach: Brauchen wir tatsächlich all das was uns von der Werbung suggeriert wird oder macht es einfach mehr Sinn achtsamer zu konsumieren?
Und ja, ich stellte mir tatsächlich bei jedem Kauf die Frage: Bereichert es mein Leben? Und wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind und uns die Frage ganz aufrichtig beantworten, dann bleibt da nicht mehr viel. Denn wie soll die zwanzigste Hose Dich auf Dauer glücklich machen, wenn das die neunzehnte schon nicht geschafft hat?

 

Ich oute mich jetzt: Ich bin großer Fan von Yvonne Catterfeld´s Album „Guten Morgen Freiheit“. Ich finde die Texte super und all die Glaubenssätze, die ich unter Yvonne Catterfeld in meinem Kopf abgespeichert hatte, kann ich hier nicht finden.
Ein Lied aus diesem Album passt besonders gut zu diesem Blog:

Irgendwas

„Irgendwas, das bleibt, irgendwas, das reicht
Irgendwas, das zeigt, dass wir richtig sind
Bis wir etwas finden, was sich gut anfühlt
Was sich lohnt zu teil’n, würden gern sowas spür’n
Suchen überall, finden scheinbar nichts
Was uns halten kann, was uns das verspricht
Was wir wirklich woll’n, wonach wir alle suchen
Kriegen nie genug, denn wir wollen immer mehr

Können uns erklären, wieso die Erde dreht
Schauen im Weltall nach, uns reicht nicht ein Planet
Bauen Denkmäler, wir wären gern für immer jung
Sammeln Fotos, aber uns fehlt die Erinnerung
Verkaufen uns für dumm und machen Geld daraus
Erfinden jedes Jahr was Neues, was die Welt nicht braucht, denn
Es geht immer noch ein bisschen mehr
Auch wenn keiner mehr den Sinn erklärt

Sind auf der Suche nach irgendwas
Sind auf der Suche nach etwas mehr
Sind auf der Suche nach irgendwas
Nur was es ist, kann keiner erklären
Hauptsache, ein bisschen mehr

Sind auf der Suche nach irgendwas
Sind auf der Suche nach etwas mehr
Sind auf der Suche nach irgendwas
Nur was es ist, kann keiner erklären
Hauptsache, ein bisschen mehr

Irgendwer, der bleibt, irgendwer, der zeigt
Dass er scheinbar weiß, wer wir wirklich sind
Wenn wir ihn dann finden, können wir nicht bleiben
Wollen uns nicht binden, weil wir dann vielleicht
Etwas verpassen können, was irgendwo noch ist
Was wir sonst vermissen, weil es nicht uns gehört
Hinterlassen Abdrücke wie auf frischem Teer
Die nächste Generation kommt nicht mehr hinterher
Immer noch höher, wir müssen immer noch weiter
Wir werden immer noch schneller, denn uns läuft langsam die Zeit ab
Wir brauchen mehr, mehr, wissen nicht mehr, wer
Wir wirklich sind, verlieren die Ehrfurcht
Vor so viel Ding’n, wir haben verlernt
Wie man etwas teilt, obwohl wir alle so entstanden sind
Es geht immer noch ein bisschen mehr
Auch wenn keiner mehr den Sinn erklärt

Sind auf der Suche nach irgendwas
Sind auf der Suche nach etwas mehr
Sind auf der Suche nach irgendwas
Nur was es ist, kann keiner erklären
Hauptsache, ein bisschen mehr

Sind auf der Suche nach irgendwas
Sind auf der Suche nach etwas mehr
Sind auf der Suche nach irgendwas
Nur was es ist, kann keiner erklären
Hauptsache, ein bisschen mehr“

 

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